Hilfslieferung nach Munkacs

Wir haben’s gepackt! - Das Kirchspiel Radeberger Land in der Ukraine

„Bislang gibt es in unserer Region keine Bombardierungen, viele Menschen fliehen aus dem Kriegsgebiet hierher. Wir versuchen, sie unterzubringen und ihnen zu helfen. Die meisten der jüngeren Familien aus unserer Gemeinde sind nach Ungarn gegangen (meist zu Verwandten), die ältere Generation und die armen Leute sind geblieben. Ich versuche zu bleiben, solange es möglich ist, denn die Menschen brauchen jetzt Seelsorger. In den meisten Geschäften sind die Regale leer.“

Als uns diese eindringlichen Worte von Pfarrer Daniel Gulacsy aus unserer ukrainischen Partnergemeinde in Munkacs erreichten, war uns klar, dass wir nicht einfach tatenlos bleiben können, während unsere Freunde Hilfe brauchen. Mit einem großen Spendenaufruf, begannen wir Anfang März Sach- und Geldspenden zu sammeln. Die Solidarität war riesig, auch über die Grenzen des Kirchspiels hinaus. Zahlreiche Menschen wollten helfen. Und so wuchsen die Berge von Matratzen über Kleidung bis zu Nahrungsmitteln im Gemeindesaal Großerkmannsdorf immer höher an, bis nach vier Wochen kaum noch Platz war.

Dank der großartigen Unterstützung der Firma Vowisol aus Großerkmannsdorf, die uns zwei große Transporter, einen Anhänger und sogar einen Fahrer zur Verfügung stellten, konnten wir am 4. April aufbrechen, um alle Spenden an ihr Ziel zu bringen. Mit der Hilfe zahlreicher Hände aus unserer Gemeinde, waren alle Hilfsgüter innerhalb eines Nachmittags verladen. Um 5 Uhr des nächsten Morgens starteten die Motoren und die Reise begann.

Bis auf einen Stau in Polen kamen wir weitestgehend reibungslos bis zur ukrainischen Grenze durch. Am Grenzübergang Uschgorod verbrachten wir ganze vier Stunden, bis wir endlich in der Dunkelheit der Nacht, bewacht von schwer bewaffneten ukrainischen Soldaten und begleitet vom unheilvollen Geräusch der Flugalarm-Sirene, den letzten Schlagbaum passieren durften. Nun war der Weg frei. Nach einer weiteren Stunde Fahrt über holprige Straßen erreichten wir unsere Partnergemeinde in Munkacs (ukrainisch: Mukatschewe).

Trotz der nächtlichen Stunde wurden schnell Helfer zum Abladen zusammengerufen (zwei davon Geflüchtete aus Kiew, die mit ihren Familien in den Räumen der Gemeinde untergekommen sind). Beim Anblick des bis in die letzte Ecke gefüllten Gemeinderaums, war es kaum zu glauben, dass all die Kisten in die Autos gepasst hatten. Ganz nach Tradition der osteuropäischen Gastfreundschaft saßen wir bis tief in die Nacht noch bei einem liebevoll vorbereiteten Essen und intensiven Gesprächen beieinander, bevor wir für einen kurzen Schlaf in unsere Gastfamilien fuhren.

Am nächsten Morgen machten wir uns bereits sehr früh wieder auf. Der Rückweg sollte für uns durch militärische Straßenkontrollen und slowakische Grenzbeamte, die uns den Grenzübertritt verweigerten, noch einige Überraschungen bereithalten. Als wir gegen Mittag schließlich doch die Grenze an einem andern Übergang passieren konnten, kamen wir über die Slowakei und Polen zügig voran, sodass wir schließlich gegen 20 Uhr abends wieder deutschen Boden erreichten.

Inzwischen erhielten wir die Nachricht, dass bereits viele unserer Hilfsgüter an Flüchtlingsunterkünfte und bedürftige Menschen in ganz Munkacs verteilt werden konnten. Sogar der ungarisch-sprachige Lokalsender TV21 widmete unserem Hilfstransport eine Kurzreportage (zu sehen unter folgendem Link: https://youtu.be/qEHlq_Od-dE)

Neben der Hilfe für unsere ukrainischen Freunde, bescherte uns die Fahrt spannende Einblicke in eine Region, die mitten im Krieg versucht so gut wie es geht Normalität zu leben. Ein Leben, das sich zwischen Frühstück bei Luftalarm, belebten Marktständen im Stadtzentrum, verbarrikadierten Polizeiwachen und Straßenkontrollen durch bewaffnete Milizen abspielt. Ein Leben das durch das bizarre und doch schier selbstverständliche Nebeneinander von Alltag und Ausnahmezustand geprägt ist.

Für uns waren es unvergessliche Erinnerungen und wertvolle Einblicke auf ein Land im Kriegszustand durch die Augen von Menschen, die zwischen der ukrainischen Staatsbürgerschaft und ihrer ungarischen Identität stehen. Wir werden diese kurze aber umso intensivere Reise jedenfalls so schnell sicher nicht vergessen.

Pfarrer Johannes Schreiner und Vikar Tillman Reichardt