Update Seele 31.05.2020

„Nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll.“
(Kohelet 1,8)

In der Broschüre zu einer Kunstausstellung, die ich in prä-coronarer Zeit besucht hatte, lese ich: „Bei Ihrem Rundgang sollten Sie bei den Werken verweilen, die Sie besonders ansprechen. Man kann nicht alles sehen.“

Man kann nicht alles sehen? - Im Gegensatz zu einer Kunstausstellung können wir es uns im Alltag aber meist nicht erlauben, einfach zu verweilen bei dem, was uns besonders anspricht – im Gegenteil. Hier darf nichts übersehen werden, sondern volle Präsenz und Weitblick sind erforderlich. Wo kämen wir sonst hin etwa im Straßenverkehr, während eines chirurgischen Eingriffs, bei der Beaufsichtigung von Kindern oder in einem beruflichen Arbeitsprozess.

Wie wohl tun uns aber zwischendurch Zeiten und Orte, wo wir leistungsfrei verweilen dürfen. Das Wort Weile hat ursprünglich mit dem Wort Wurzel zu tun, in dem Sinne, dass ein Mensch zu seinem Tiefsten und Innersten, zu seinen Quellen gelangen kann. Über das optische Sehen und Zur-Kenntnis-nehmen einer Sache hinaus darf er anschauen, tiefer schauen, und das Geschaute wirken und vom Kopf ins Herz sinken lassen.

Freu Dich auf Deine nächsten Verweil-Momente und Verweil-Orte oder schaffe Dir welche, allein oder mit anderen (sofern das die Regel erlauben :-).
Die sonnigen Tage und milden Abende jetzt Ende Mai laden wunderbar dazu ein.